2016

Bericht über die Exkursion ins Aktive Museum Spiegelgasse der Klasse 9a

Link zum Artikel im Wiesbadener Kurrier

Auf „Spurensuche“ – Ein Workshop im Aktiven Museum Spiegelgasse

 

Geschichte, das sind zwei Stunden pro Woche, in denen man aus Büchern etwas über die Vergangenheit lernt und wenn man Glück hat, findet man manchmal den roten Faden zum Hier und Heute – oder?

Der Wandertag am 25. Mai 2016 hatte sich etwas anderes zum Ziel gesetzt: Die Klasse 9a besuchte einen Workshop des Aktiven Museums Spiegelgasse in Wiesbaden (AMS), bei dem sie selbst auf historische „Spurensuche“ in ihrer, unserer Stadt gegangen ist.

Der Tag begann mit einer Einführung zum Thema Nationalsozialismus in Deutschland, zur NS-Ideologie und besonders zu den immer brutaleren antisemitischen Gesetzen und Maßnahmen in den 1930er Jahren. Die Schülerinnen und Schüler konnten hier in einer lockeren Gesprächsrunde zeigen, was sie schon alles über den Aufstieg der NSDAP und Hitler wussten und mit welch menschenverachtender Ideologie gleichermaßen Wähler gewonnen und Gegner ausgeschaltet wurden. Die beiden Leiter des Workshops, Herr Alting und Frau Gotzel, waren sehr erfreut über das inhaltlichen Vorkenntnisse der TFS´ler und besonders über ihre offene Diskussionsbereitschaft zu aktuellen politischen Fragen. Schon hier war klar, dass die jungen Erwachsenen froh waren, ihre Gedanken zu Themen wie den Wahlerfolgen der AfD, der Wahlkampfrhetorik Donald Trumps oder zum Israel-Palästina-Konflikt auch einmal außerhalb des Unterrichts mit Experten diskutieren zu können.

Im Anschluss teilten sich die Schülerinnen und Schüler selbst in vier Gruppen ein und wurden dann nur mit Hilfe eines Fotoausschnitts eines Wiesbadener „Ortes“ und einigen Aufgabenstellungen in die Wiesbadener Innenstadt geschickt: in Eigenregie entdeckten sie so binnen zwei Stunden vier zentrale Orte jüdischer Erinnerungskultur in Wiesbaden: die Deportationsrampe auf dem Schlachthofgelände,  mehrere Stolpersteine deportierter jüdischer Bürger in der Fußgängerzone, das Mahnmal am Michelsberg, früherer Standort der Wiesbadener Synagoge und den Geschwister-Stock-Platz als Gedenkort für die ermordeten Wiesbadener Kinder in dessen Nähe sie noch auf das Mahnmal zu Ehren der ermordeten Sinti und Roma stießen. Vor Ort bestand eine Aufgabe in der bewussten Wahrnehmung: die Schüler beobachtete Passanten und notierten ihre Eindrücke, sie beantworteten auch Fragen zu den jeweiligen historischen Hintergründen und lernten Schicksale einzelner Wiesbadener Bürger kennen. Darauf basierend drehte jede Gruppe ein kurzes Video, welches ihre Eindrücke und Empfindungen an diesem bekannt-unbekannten Ort dokumentierte.

Schließlich trafen sich alle im AMS wieder und jede Gruppe stellte ihre gefundenen Spuren, ihre gefundenen Erkenntnisse und ihr spontanes Video vor. Gemeinsam diskutierten dann die Schülerinnen und Schüler ihre Ergebnisse: in allen Gruppen wurde deutlich, dass jeder die besuchten Orte schon kannte, aber eben nicht deren Geschichte und bedrückende, menschliche Geschichten. Daher kamen vor allem Betroffenheit, neue Fragen und bewegtes Staunen in den Kurzfilmen zum Ausdruck, beispielsweise am originalen Geländer der Schlachthoframpe. Dieses Gänsehaut-Gefühl angesichts der (an-)fassbaren Geschichte gewissermaßen vor der eigenen Haustür konnte jeder Schülerin und jedem Schüler mit eigenen Sinnen spürbar machen, welches Anliegen Geschichte als Unterrichtsfach verfolgt: die Erinnerung an die Vergangenheit, auch und vor allem an die dunkelsten Stunden, muss Teil unserer Gegenwart bleiben, Teil unserer persönlichen Erinnerung. Denn nicht nur die täglichen Nachrichten, auch der nächste Einkaufsbummel in der Stadt kann uns mal mehr, mal weniger deutlich machen, dass unsere Geschichte und das was wir aus ihr lernen können, ständig neue Erkenntnisse für unser Hier und Heute bereithalten, egal lange wir und unsere Familien schon Teil der Erinnerungskultur Deutschlands und Wiesbadens sind.

Nicht nur wir als Fachbereich Geschichte der TFS halten Exkursionen dieser Art, bei denen unsere Schülerinnen und Schüler selbständig an authentischen Erinnerungsorten lernen für außerordentlich wichtig und haben diese daher für alle Neuntklässler verbindlich in unser Curriculum aufgenommen. Auch der Ortsbeirat Bierstadt teilt unser Ansinnen und hat die Workshops für die neunten Klassen in diesem Schuljahr mit finanziellen Mitteln unterstützt. Hierfür möchten wir uns herzlich bedanken und freuen uns über die Mithilfe bei unserer politisch-historischen Bildungsarbeit.

Verfasser: A. Mehner

Foto: Schüler der Klasse 9a in der Bibliothek des Aktiven Museums Spiegelgasse